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Stattdessen
begegnen die verwilderten Hauskatzen unkalkulierbaren Gefahren in einer vom
Menschen bestimmten Welt: Das sind Autos, die sie überfahren, Jäger, die auf
sie schießen, und sogar sadistische Menschen, die Katzen einzufangen und zu quälen
versuchen – oder zu vergiften.
Hinzu kommt: Infektionskrankheiten breiten sich massenhaft aus. Viele Katzen
leiden an Leukose oder „Katzenaids“. Gerade bei der Paarung selbst (der
Kater beißt der Katze in den Nacken) und bei den vorangehenden blutigen Katerkämpfen
um die Weibchen werden häufig Krankheiten weitergegeben.
Tierschützer kastrieren verwilderte Katzen
und Kater
Tierschützer versuchen in Zusammenarbeit mit Tierärzten auch in Deutschland
schon seit vielen Jahren, die verwilderten Katzen einzufangen und zu kastrieren.
Die Tiere werden mit Futter in längliche Käfige („Lebendfallen“) gelockt,
in die Tierarztpraxis gebracht und dort unter Narkose nicht nur kastriert,
sondern meist noch schnell entfloht und anderweitig verarztet. Dann werden sie
wieder frei gelassen.
Zur Klärung, da die Begriffe „Kastration“ und „Sterilisation“ oft
missverständlich gebraucht werden: Die Kastration ist die operative Entfernung
der Keimdrüsen. Beim Kater werden also die Hoden entfernt; bei der Katze die
Eierstöcke und oft auch ein Teil der Gebärmutter (wenn medizinisch notwendig,
auch die gesamte Gebärmutter) aus dem Bauchraum herausoperiert. Damit sind die
Tiere nicht nur unfruchtbar (das allein würde schon mit einer Sterilisation,
also der Durchtrennung der Samenstränge beziehungsweise Eileiter erreicht),
sondern kastrierte Tiere haben auch keinen Fortpflanzungstrieb mehr. Das
ansonsten durch die Geschlechtshormone gesteuerte typische Verhalten fällt weg:
keine Paarung, kein Katerbiss in den Nacken der Katze, keine Prügeleien der
Kater um Katzen.
Damit werden nicht nur weiterer Nachwuchs und die weitere Ausbreitung von
Infektionskrankheiten verhindert, sondern es wird den verwilderten Tieren dann
auch möglich, aggressionsfreier in ihrem begrenzten Lebensraum zusammenzuleben.
Kastrieren, bevor
es zu spät ist, denn Katzen werden früher geschlechtsreif, als man denkt.
Weibliche Katzen werden normalerweise mit etwa fünf oder sechs Monaten
geschlechtsreif. Aber, so erklärt die Tierärztin Dr. Ulrike Morys in
unserem Beitrag, es kann auch schon mit drei oder vier Monaten so weit sein:
„Bei winter- oder spätherbstgeborenen Katzen haben wir das Phänomen, dass
die schon mit drei oder vier Monaten geschlechtsreif sein können; das hängt
mit der zunehmenden Tageslichtlänge zusammen. Die Tageslichtlänge hat einen
extremen Einfluss auf den Sexualzyklus, das kennen wir ja auch; im Frühling
gehen die Hormone immer so ein bisschen durch, und das ist bei Katzen auch
so.“
Generell gilt: Kater werden etwas später
geschlechtsreif als die weiblichen Katzen.
Viele Menschen, die sich vielleicht nicht so gut auskennen, rechnen allerdings
überhaupt nicht damit, dass „die Kleinen“ schon sehr bald selbst Eltern
werden können. Hartnäckig hält sich die falsche Vorstellung, Katzen könnten
erst später Nachwuchs bekommen, so zum Beispiel, wenn sie ausgewachsen seien
(das heißt mit 12 bis 14 Monaten) oder mit einem Dreivierteljahr.
Aber das alles trifft eben nicht zu, und die Idee, bis zur ersten Rolligkeit
„abzuwarten“, ist keine gute Idee. Denn oft werden die ersten Anzeichen der
Rolligkeit nicht erkannt, und das endet bei vielen Freigängerkatzen damit, dass
sie unversehens trächtig nach Hause kommen.
Die Kastration mit einem Sicherheitsabstand zur Geschlechtsreife, also je nach
den praktischen Umständen (bei verwilderten Katzen zum Beispiel, wenn es
gelingt, sie einzufangen) schon mit frühestens sechs, spätestens aber zwölf
Wochen, ist die effektivste Methode, ungewollten Nachwuchs tatsächlich zu
verhindern.
Vor- und Nachteile der frühen Operation
selbst
Da die Tiere ja noch längst nicht ausgewachsen sind, sind auch die
Geschlechtsorgane noch recht klein. Und dieser Umstand macht die Frühkastration
im Vergleich zu der beim erwachsenen Tier vielleicht etwas filigraner,
schwieriger. Auch besteht offenbar teilweise Unsicherheit, was die Dosierung des
Narkosemittels angeht.
Für Tierärzte mit Operationserfahrung ist das aber kein Problem. Im Gegenteil,
meint die Tierärztin Dr. Ulrike Morys. Sie findet die Operation weit
unkomplizierter als die eines ausgewachsenen Tieres: „Also, bei der Frühkastration
sind die Vorteile: Wir brauchen geringe Narkosemengen; die Tiere vertragen es
sehr gut; wir haben einen sehr kleinen Schnitt; wir haben es noch nicht mit viel
Fettgewebe zu tun, denn die Tiere sind ja noch nicht verfettet; dadurch ist die
Blutungsmenge sehr viel geringer; wir haben sehr selten Komplikationen, und die
Tiere sind sehr schnell nach dem Eingriff wieder wach, dass die also im
Geschwister- oder Familienverband wieder freigelassen werden können.“
Früh kastrierte Katzen und Kater werden
minimal größer
Mit drei, vier Monaten, Kater etwas später, wären die Tiere zwar schon fähig,
Nachwuchs zu zeugen, aber sie sind noch nicht richtig ausgewachsen. Welche
Folgen hat die Frühkastration auf Entwicklung und Wachstum?
Dazu finden sich, je nach Quelle, widersprüchliche Vermutungen und Angaben. Häufig
wird auf US-amerikanische Untersuchungen verwiesen. In Deutschland existieren
bislang noch keine systematischen wissenschaftlichen Langzeitbeobachtungen, sagt
Prof. Dr. Ingo Nolte, Direktor der Klinik für kleine Haustiere der Tierärztlichen
Hochschule in Hannover, aber es gibt inzwischen doch schon einige
Erfahrungswerte.
Eines ist sicher: Früh kastrierte Katzen und Kater werden etwas größer, aber
der Unterschied ist kaum sichtbar, es sind nur wenige Millimeter. Der Grund
liegt im Fehlen der normalerweise wirkenden Geschlechtshormone, so erklärt
Prof. Dr. Ingo Nolte: „Katzen, die frühzeitig kastriert werden, also
sprich vor der ersten Rolligkeit, werden größer. Das heißt also, mit der
Geschlechtsreife wird das Wachstum durch Hormone beeinflusst, indem es dann eben
beendet wird, und wenn die Rolligkeit dann eben sozusagen nicht auftritt, dann
schreitet das Wachstum auch länger fort.“
Hat die Frühkastration Auswirkungen auf die
Gesundheit?
Anders als bei der Hündin hat die Frühkastration bei weiblichen Katzen nicht
die positive Wirkung, die Entstehung von Gesäugetumoren zu verhindern, stellt
Prof. Dr. Ingo Nolte fest: „Bei der weiblichen Katze ist dieser
Zusammenhang nicht sicher nachgewiesen; grundsätzlich unterscheiden sich die
Entwicklung von Gesäugetumoren von Hund und Katze ganz erheblich, so dass also
die Frage ist, ob da wirklich ein echter Zusammenhang besteht.“
Bislang keine Bestätigung sieht Prof. Dr. Ingo Nolte aber auch für die
Befürchtung, die Harnröhre beim Kater würde nicht richtig auswachsen und dann
später eventuell „verstopfen“: „Lässt sich eigentlich nicht belegen,
auch schon im Vergleich zum, egal, also, späteren Zeitpunkt durchgeführten
Kastration beim Kater im Vergleich zu unkastrierten Katern, lässt sich da überhaupt
keine Häufung herauslesen.“
Eine Gefahr für den Katerpenis besteht allerdings – theoretisch –,
denn zwischen dem vierten und fünften Monat löst sich die Vorhaut ab, und wenn
die Kastration genau während dieser Ablösung stattfindet, können sich kleine
„Taschen“ bilden, in denen sich später dann Schmutz ansammelt – und
das kann zu Entzündungen führen. Aber das ist selten und lässt sich leicht
vermeiden: Der Tierarzt muss eben den richtigen Zeitpunkt wählen.
Macht jede Kastration dick?
Tendenziell ja! Alle kastrierten Katzen und Kater drohen dick zu werden. Das
liegt nicht etwa am fehlenden Jagdtrieb, denn der bleibt – ob frühere
oder spätere Kastration – voll erhalten. Es liegt daran, dass der
Geschlechtstrieb fehlt, der Katze und vor allem Kater normalerweise auf Trab hält.
Fällt der weg, haben die Tiere eine starke Antriebsquelle weniger – sie
werden ruhiger und bequemer. Sie verbrauchen also weniger Energie. Das heißt für
die Katzenbesitzer: Auf das Gewicht der Tiere achten, regelmäßig wiegen und
gegebenenfalls das Futter rationieren.
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Wie
beeinflusst die Frühkastration das Verhalten?
Normalerweise würde der mit der Geschlechtsreife einsetzende
Sexualtrieb nicht nur den Körper, sondern die gesamte Persönlichkeit
und das Verhalten beeinflussen: eine Veränderung vom verspielten
Tierkind zum paarungswilligen Fast-Erwachsenen, beim Kater übrigens
weit auffälliger als bei der Katze.
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Durch
die Frühkastration wird diese Veränderung verhindert, erklärt die
Diplom-Biologin Dr. Willa Bohnet vom Institut für Tierschutz und Verhalten
der Tierärztlichen Hochschule Hannover: „Wenn eine Katze oder ein Kater vor
der Pubertät kastriert wird, wird man als Besitzer überhaupt keine Verhaltensänderung
merken, das heißt, die Tiere bleiben so verschmust, wie sie es vorher waren;
sie bleiben so verspielt. Sie werden sich nicht weiter als bisher vom Haus
entfernen, sie werden weiterhin guten Kontakt zu Artgenossen haben, sofern sie
das vorher auch hatten, gelernt haben.“
Die Frühkastration macht Katzen und Kater also ein Leben lang zu verträglicheren,
„angenehmeren“ Haustieren. Das gilt vor allem für Kater.
Bei weiblichen Katzen ist der Verhaltensunterschied – abgesehen von den
(ohne Kastration eintretenden) abgegrenzten Phasen der Rolligkeit, Trächtigkeit
und Welpenaufzucht – weniger stark. Aber unkastrierte Kater sind immer
paarungsbereit, und deshalb fällt der Verhaltensunterschied zwischen
kastrierten und unkastrierten Katern auch immer stark auf.
Frühkastration bei reiner Wohnungshaltung?
Wenn es nicht darum geht, eine überraschend frühe Trächtigkeit zu verhindern,
wenn man also zum Beispiel mit zwei Katzendamen in einer Wohnung lebt und die
beiden nicht nach draußen kommen, kann man sich mit der Entscheidung für eine
Kastration mehr Zeit lassen.
Dennoch ist die Kastration auch von Wohnungskatern grundsätzlich sinnvoll, denn
der einsetzende Geschlechtstrieb ist der Hauptgrund dafür, das die männlichen
Tiere ihr Revier systematisch mit Urin markieren. Daher rät die Biologin Dr.
Willa Bohnet: „Beim Kater würde ich auch sagen, auf jeden Fall kastrieren,
weil man dann nämlich die Geruchsbelästigung nicht hat, und bei einer Katze
kann man das von dem Individuum abhängig machen.“
Die Kastration wird notwendig, wenn eine frustrierte Wohnungskatze immer wieder
rollig wird. Die Dauerrolligkeit ist eine hormonelle „Vergiftung“. Die Katze
ist unübersehbar leidend und unüberhörbar klagend. Das muss nicht passieren,
aber es kann durchaus so sein. Die Katze dann nicht kastrieren zu lassen wäre
Tierquälerei.
Wie „unnatürlich“ sind Kastration und Frühkastration?
Fast jeder empfindet ein etwas befremdliches Gefühl bei der Vorstellung, dass
so junge, noch längst nicht ausgewachsene Tiere kastriert werden sollen. Schließlich
nimmt der Mensch einem Tier damit eine ganz wichtige Antriebskraft. Besonders
der so frühe Eingriff, aber auch die Kastration generell werden oft als
„unnatürlich“ dargestellt.
Das sind sie zweifelsfrei auch, aber vielleicht doch weitaus „tiergerechter“
und verantwortlicher, als es im ersten Moment scheinen mag – wenn man
sich einmal überlegt, welchen Lebensraum wir Menschen den Tieren zugewiesen
haben. Wir haben nun einmal ehemals wild lebende Tiere über viele Generationen
zu „Haustieren“ gemacht, also bewusst zu möglichst angenehmen,
unkomplizierten Gesellschaftern des Menschen.
Inwieweit die Haltungsbedingungen, die wir bieten, den nach wie vor genetisch
festgelegten Bedürfnissen der Haustiere entsprechen, wird aber viel zu wenig
hinterfragt. Oft ist es fehlendes Wissen, oft eine (als selbstverständlich
angenommene) Geringschätzung der Tiere und ihrer Bedürfnisse.
Wie stark die Sexualität der Motor des Tier- und auch des Haustierlebens ist,
wird unterschätzt. Aber: Wenn sie nicht ausgelebt werden kann (mangels Partnern
und weil Nachwuchs unerwünscht ist), ist das nicht etwa „natürlich“,
sondern Tierquälerei, und daher argumentieren viele Tierschützer auch ganz
konsequent wie die Tierärztin Dr. med. vet Ulrike Morys für die Frühkastration:
„Warum soll ich einem Tier Sexualität quasi zumuten, wenn ich von vornherein
weiß, dass es die Sexualität nie ausleben darf? Dann kann ich es ihr auch
vorher nehmen, weil die Katze gar nicht wissen wird, was sie vermisst.“
Wer dieser konsequenten Überlegung folgt, kann nur zu einem Schluss kommen:
Problematisch ist eigentlich weniger der konkrete Schritt der Frühkastration
als vielmehr das gesamte Konzept der Haltung von Haustieren unter wenig natürlichen
Bedingungen.
Fazit
Zur Verhinderung weiterer unerwünschter
Vermehrung, der „Überpopulation“, plädieren Tierschützer konsequent für
die Frühkastration verwilderter Katzen. Das gilt auch für Freigängerkatzen
(es sei denn, jemand ist in der glücklichen Lage, in einer sehr katzenarmen
Gegend zu wohnen, und hat schon sichere Interessenten für jeden zu erwartenden
Welpen).
Bei reiner (geschlechtlich getrennter) Wohnungshaltung kann man eher im
Einzelfall entscheiden; das gilt vor allem bei den weiblichen Katzen.
Dieser Text gibt
den Inhalt des Beitrags der ServiceZeit Tiere suchen ein Zuhause vom 25. Mai
2003 wieder.
Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.
– Alle Angaben ohne Gewähr –
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